Ulf Schleth

Die gelebte Zeitmaschine

Zeitmaschinen im klassisch-fiktionalen Sinne erlauben es, mit der Reisedauer eines Wimpernschlags in jede Zeit zu reisen und mit der dort vorgefundenen Umgebung zu interagieren. Wir können uns erst dann dieser Definition annähern, wenn wir sie einschränken. Tun wir das, lassen sich existierende Zeitmaschinen entdecken und solche, deren “zeit”nahe Umsetzung DENKBAR wäre. Schon das einfache Dasein fließt in der Zeit. Innerhalb dieses Daseins stehen uns Maschinen zur Verfügung, die das Zeiterleben durch Verlangsamung, Pausieren, Beschleunigen und Schleifenbildung verändern. Verschiedene Formen von ZEITKAPSELN sind schon lange Bestandteil unserer Lebenskultur. Wie die von der Astrobiologie untersuchten extraterretrischen Seinsformen oder die Eier der Artemia nyos werden diese Zeitkapseln zu neuem Leben erweckt, mit dem Unterschied, daß sie im Gegensatz zu den Krebstieren über keinerlei Bewußtsein (vorausgesetzt, Salinenkrebse verfügen über eine Form von Bewußtsein) verfügen. Versuchen wir, die Gegenwart des Daseins zu dokumentieren, durch Beschreibung, Abbildung, Kopieren oder Klonen von Materie, halten wir die Vergangenheit in den Händen. Je höher die Auflösung der Dokumentation ist, desto genauer beschreiben wir die Vergangenheit. Sollte es gelingen, die Oberfläche zu durchdringen und die Auflösung ins Subatomare zu steigern, hätten wir den SNAPSHOT eines Moments, den wir mit uns in die Zukunft nehmen könnten. Würden wir diesen Snapshot zu Leben erwecken, wäre ein Moment der Vergangenheit unbeschadet in die Zukunft gewandert und führte dort seine eigene Zeitlinie fort. Die Zukunft in die Gegenwart zu bringen, stellt sich komplexer dar. Zeitreisen durch relativitätstheoretische Wurmlöcher scheinen zu spekulativ, rechnerischen Reisen sind durch die Komplexität der ein Ereignis bestimmenden Faktoren durch Entropie Grenzen gesetzt, doch Simulation kann Näherungen erreichen, durch 3D und VR erleb- und durch KI interaktionsfähig gemacht werden.

Kultur besteht aus nichts anderem als der Produktion von Zeitkapseln, die durch Begebenheiten der Gegenwart geöffnet und in Zukunft transformiert werden. Die Zukunft ist eine Folge der Vergangenheit, also nicht unabschätzbar. Im Moment der Gegenwart fließt sie in die Vergangenheit und die Vergangenheit mündet in dir Zukunft. Hält sich die Entropie im Betrachtungsraum in überschaubaren Grenzen, können Voraussagen getroffen werden. Die Gegenwart ist eine Zeitmaschine und kein Punkt auf einer Einbahnstraße. Bewußtes und Unbewußtes sind eine Zeitmaschine. Medien bzw. Kultur sind gleichermaßen ihr Treibstoff und ihr Produkt. Betrachten wir Kultur genauer, sehen wir, daß sie als holistisches Gesamtkonzept Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bereits in sich trägt. Sehen wir uns einen Ausschnitt von Kultur an, offenbart sich uns ihr holografischer Character. Wir sehen das Ganze im Teil, wenn auch in geringerer Auflösung. Assoziationen lassen Vergangenes auferstehen, zukünftiges entstehen und machen es emotional wahrnehmbar. Wir treffen auf Orte und Gesellschaften, in denen für uns die Zeit entweder stehengeblieben oder unser eigenen voraus zu sein scheint. Als existenziell empfundene Nöte katapultieren uns schnell kulturell und derzeit besonders auch sozial in die Vergangenheit oder lassen uns mehrere Schritte auf einmal nach vorn tun. Nur logisch, daß Zeit auch anderen gesellschaftlichen Gepflogenheiten unterliegt; Zeitdiskriminierung gehört zum Handwerkszeug sozialer Systeme. “Seiner Zeit weit voraus sein” ist ein Griff in die Zukunft. Wir wiederholen uns im Schaffen von Zukunft. Zukunft wird vergessen. Adaptiert und neu geschaffen. Das kollektive Bewußtsein ist genau wie das individuelle leicht zu täuschen, aber eine als real wahrgenommene zeitliche Täuschung hat in einem variablen Rahmen denselben Wert wie die Realität selbst. Wenn wir uns zu einem großen Teil durch den Spiegel unser kulturellen Gemeinschaft wahrnehmen, besteht unser Selbst schon zu Lebzeiten aus Erinnerung, die mit uns durch die Zeit reist. Wir können in Online-Foren auf die Nachrichten von Toten reagieren, doch sie hören uns nicht. Wir können unsere Gehirne noch nicht in kleine Kisten mit Netzanschluss überspielen, wohl aber fortgeschrittene Eliza-Bots mit unseren sprachlichen Eigenheiten füttern und so als perfekte Illusion unser eigenes Ableben überdauern. Science Fiction ist ein soziokulturelles Paradigma, das nicht nur unsere Fiktionen formuliert, sondern auch unser Handeln bestimmt. Letztlich können von uns geschaffene Zeitmaschinen immer nur ein Teil derer sein, die wir bereits leben.

Ulf Schleth, *1968. Lebt in Berlin. Arbeitet als freier Autor und Entwickler, ist seit 2010 in Festanstellung bei der taz. die tageszeitung und seit 2015 geprüfter Forschungstaucher. http://www.schleth.com