Luise Donschen & Laura von Bierbrauer

Möglichkeiten des sozioökonomischen und künstlerischen Recyclings

Aus ökonomischer Perspektive bezeichnet der Begriff ‚Recycling‘ grundsätzlich die Rückführung oder Wiederverwendung von Abfallstoffen. Materialien, die zuvor als Abfall angesehen wurden, erhalten dadurch einen neuen Wert. Als künstlerische Praxis kann ‚Recycling‘ dagegen mehrere Vorgänge bedeuten: Ähnlich wie im ökonomischen Prozess findet eine „Werterhaltung“ statt, wenn beispielsweise Schnittreste, die in ihrer ursprünglichen Produktion keinen Gebrauch gefunden haben, in anderen Filmen verwendet werden (1). Daneben kann sozialhistorisch konnotiertes Material in neue Kontexte gestellt werden. Die vorherige Konnotation bleibt erhalten und wird durch eine reflexive Einbettung zum eigentlichen Thema des neuen Films. So geschieht es in vielen Found-Footage-Filmen wie z.B. „Home Stories“, der die Stereotypisierung weiblicher Charaktere in Hollywoodmelodramen thematisiert (2). Stärker inhaltlich motiviert ist dagegen ein Ansatz, wie ihn Alexander Kluge vertritt. Wenn er Geschichtsfragmente in neue Zusammenhänge montiert, geht es ihm weniger um eine formale Reflexion des Entstehungszusammenhangs als vielmehr darum, alternative Abläufe einer festgeschriebenen Geschichte offen zu legen (3).

In einem Vortrag sollen diese Möglichkeiten des Recyclings vorgestellt werden. Ausgehend von ihrer eigenen ethnologischen Feldforschung wird Laura von Bierbrauer zunächst die ökonomische Praxis des Recyclings anhand von Videoaufnahmen über Müllsammler in Buenos Aires vorstellen. Im Anschluss wird Luise Donschen die Prozesse „Werterhalt“, „Überführung in einen neuen Kontext“ und „Erzeugen von anderen Zusammenhängen“ in der künstlerischen Praxis zum ökonomischen Recycling in Beziehung setzen und die sich dadurch eröffnenden Perspektiven anhand ausgewählter Filmausschnitte zur Diskussion stellen.

Luise Donschen wurde 1982 in Berlin geboren. Von 2002 bis 2008 studierte sie Volkskunde und Germanistik in Hamburg und Belgrad. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über den medialen Durchsetzungsprozess der Elbphilharmonie vor dem Hintergrund der Hamburger Stadtplanung. Seit 2004 studiert sie außerdem Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Gemeinsam mit Laura von Bierbrauer hat sie 2005 den Film „Zwischen den Grenzen“ produziert, der unter anderem auf dem „Kurzfilmfest Hamburg“ im Wettbewerb lief. Seit März 2008 ist sie Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. Im Sommer 2008 hat sie in Prishtina die Filme „Der Wille unseres Vaters“ und „Pump up Prishtina“ für die Ausstellung „Balkanology“ im Schweizerischen Architekturmuseum Basel gedreht. Im November 2008 erscheint ihr Buch „Belgrad – Keine weiße Stadt“, das sie gemeinsam mit dem Fotografen Felix-Sören Meyer verfasst und gestaltet hat.

www.keineweissestadt.de

Laura von Bierbrauer wurde 1980 in Giessen geboren. Nach Praktika in Film- und Fernsehproduktionen studiert sie seit 2003 im Doppelstudium Ethnologie an der Universität Hamburg und Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste. Ihre bisherigen Dokumentarfilmprojekte sind: „Zwischen den Grenzen“ (2005, in Zusammenarbeit mit Luise Donschen) und „Arte y Artefacto“ (2007, in Zusammenarbeit mit Birthe Goldenbaum). 2007 absolvierte sie zwei Auslandssemester an der Universidad del Cine in Buenos Aires, wo sie die Dreharbeiten für ihr Abschlussprojekt über informelle Überlebensstrategien von Abfallsammlern durchführte.