Cornelia Lund

Wohnmaschinen oder Mind Machines?
Von bewusstseinserweiternden und smarten Häusern

Cornelia Lund und Holger Lund

Gegen das streng definierte und determinierende Wohnprogramm modernistischer Häuser und Wohnungen trat in den 1960er Jahren eine junge Generation von Architekt*innen an mit alternativen Raum- und Wohnutopien. Das tayloristisch-rechteckig durchgerechnete Zusammenwirken von wohnenden Menschen und Häusern als Wohnmaschinen weicht blasenartigen Rundformen aus Plastik, deren ungewohntes Äußeres neue Funktionen birgt: das aufblasbare Gelbe Herz (1968) von Haus-Rucker-Co dient letztlich der Bewusstseinserweiterung, es verspricht nichts weniger als alternative Formen der Entspannung, ein neues Erleben der Natur und Glück.
Liegt das Ziel des durchsichtigen Schutzcocons, in den das Gelbe Herz seine Nutzer*innen einlädt, darin, deren Erfahrungs- und Bewusstseinswelten zu erweitern, so entlastet das zeitgenössische Smart Home das Bewusstsein seiner Bewohner*innen eher, indem die digitalen Assistenzsysteme in mehr oder weniger sanfter Tyrannei alle Entscheidungen über die Gestaltung des Wohnalltags abnehmen. Aus der Wohnmaschine, die von Menschen in Gang gehalten werden musste, wird eine Mind Machine als Entscheidungsmaschine, die, wenn sie wie in Alex Garlands Film Ex Machina (2015) mit einer AI gekoppelt wird, sogar eine autonome „mind“ entwickeln kann.
Doch es muss nicht bei der scheinbar sanften Tyrannei des Smart Homes bleiben, das beschließt, wann es ökologisch sinnvoll ist, die Heizung aus- und das Licht einzuschalten. Das steuernde „Gehirn“ des Hauses ist ja stets vernetzt mit viel größeren elektronischen „Gehirnen“, die wiederum alle Daten, die der wohnende Mensch produziert, auswerten und qua „predictive analytics“ nutzen können. So kann die sorgfältige Bevormundung durch ein (selbst-)bewusstes Haus letztlich Teil einer maschinell gesteuerten Tyrannei werden, die menschliches Bewusstsein nicht stärkt, sondern abbaut oder gänzlich entzieht.

Cornelia Lund
Kunst- und Medienwissenschaftlerin sowie Kuratorin. 2011/2012 Vertretungsprofessur für „Kunst.Ästhetik.Medien“ (FH Düsseldorf), derzeit Mitarbeiterin in einem DFG-Projekt zum Dokumentarfilm (Universität Hamburg). Lehrt zudem Designtheorie an der HAW Hamburg. Ko-Herausgeberin von Post-digital Culture (2015; http://post-digital-culture.org/).

Cornelia Lund und Holger Lund
Zusammen leiten sie seit 2004 die unkommerzielle und unabhängige Medienkunstplattform fluctuating images e.V. (Berlin), gemeinsam sind sie Herausgeber von Audio.Visual – On Visual Music and Related Media (Arnoldsche, Stuttgart 2009) und Design der Zukunft (avedition, Stuttgart 2014).
www.fluctuating-images.de