Julio Lambing

Schaumintelligenz: Probleme bei der Entwicklung ethischer Felder für soziale Innovationen

Veränderungen in der Welt verlangen von Menschen eine Anpassung ihrer Verhaltensroutinen. Einige Anpassungen sind gezielt gewählt und nur in der Gruppe wirksam. Wir können sie als Ethos bezeichnen. Zur Einübung als auch bewussten Gestaltung eines Ethos sind Gemeinschaften notwendig, die je nach Bedarf mehr oder wenig enge Bande zwischen den Menschen beinhalten. Ihre Mitglieder müssen dabei vor hinreichend ähnlichen Lebensherausforderungen stehen und ähnliche Ansichten über ein gutes Leben haben, wenn die Gemeinschaft als geteilter Reflexionsraum für einen Ethos dienen soll. Oft sind sozio-kulturelle Milieus deshalb der Hintergrund eines Ethos. Man kann sie als lebensweltliche Blasen bezeichnen. Dieser Zusammenhang zwischen Ethos und Blasenbildung gilt auch für soziale Innovationen betroffen, die sich mit einem dem Klimawandel angepassten Lebensstil, mit nicht gewinnorientierten Wirtschaftsweisen oder mit Alternativen zur Kernfamilie beschäftigen.

Es gibt seit den 80er Jahren unterschiedliche theoretische wie soziale Strömungen, die Formen der ethischen Gemeinschaftsbildung als Antwort auf moderne gesellschaftliche Herausforderungen gutheißen. Auf der anderen Seite bergen sozio-kulturelle Milieus die Versuchung in sich, sich sozial abzuschließen, das Lernen von fremden Lebenswelten zu vermeiden, die eigene Lebenslage in politischen Interessenkonflikten zu verabsolutieren und sich in politischen Meinungen zu polarisieren. Die Kritik an einer angeblich neu aufkommenden „Tribalismus“ in den westlichen Gesellschaften hängt damit zusammen.

Der Vortrag wird dieses Problemfeld sowohl anhand eines praktischen Beispiels illustrieren als auch vor dem Hintergrund aktueller sozialtheoretischer Forschung reflektieren:
Das Wahrnehmungs- und Handlungszentrum „Werkstatt Dritter Ort“ in Köln fungiert als Treffpunkt für Lebensstil-Avantgarden als auch als Ort, an dem ein Ethos bewusst kultiviert wird. Es setzt dabei Werkzeuge aus unterschiedlichen ästhetischen Traditionen und Praktiken ebenso ein wie Begegnungsräume, Diskussionsveranstaltungen oder Workshops. Blasenbildung ist dabei Werkzeug und Hindernis zugleich.

Julio Lambing war von 2002 bis 2017 in wechselnden Leitungsfunktionen für den internationalen Wirtschaftsverband European Business Council for Sustainable Energy (e5) tätig, der sich für den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft einsetzt. Zudem beschäftigt sich Lambing mit alternativen und randständigen Wirtschafts-, Kultur- und Sozialformen. Aktuell baut Lambing gemeinsam mit KollegInnen ein Forschungsinstitut zur Erforschung zukunftsfähiger Lebensweisen auf, die ein gutes gelingendes Leben ermöglichen und unsere kulturellen, sozialen und ökologischen Allmenden gedeihen lassen. Zur Zeit leitet er zudem ein bundesweites Stakeholder-Dialog-Projekt zu nachhaltigkeitspolitischen Risiken und Chancen der Blockchain-Technology und darauf aufbauender Automatisierungssysteme.

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