Florian Malzacher

True Truth about the Nearly Real

Die 4. Internationale Sommerakademie fand vom 23. bis 31. August 2002 unter dem Titel "True Truth about the Nearly Real" in Frankfurt statt.
Im Mittelpunkt standen die allgegenwärtigen Konsequenzen durch den Verlust der grossen Erzählungen, der Gesellschaft und Kunst weitestgehend ihrer vermeintlichen Möglichkeit beraubt hat, eindeutige moralische, politische, aber auch ästhetische Positionen zu beziehen. Neue Rahmungen, repräsentative Ordnungen, Verschiebungen von politischen, sozialen und naturwissenschaftlichen Paradigmen untergraben permanent unsere Konzepte von Identität, Wirklichkeit und Ethik.

Die Sommerakademie legte ihren Schwerpunkt auf den Akt der Wahrnehmung selbst: Auf der einen Seite fokussierte sie das Konzept des "Fake" als eine Möglichkeit, traditionelle Vorstellungen von Biografie, Zuverlässigkeit von Wahrnehmung und Qualität von Repräsentationen als intersubjektive Bezeichnungen zu hinterfragen.
Auf der anderen Seite impliziert der Begriff der Wahrnehmung die Frage nach der Perspektive und der Zuschauerschaft.
Auf welche Weise wurden Zuschauerpositionen durch das Aufkommen neuer Medien und politischer Agenden reorganisiert - als Manipulation ebenso wie als kritische Haltung? Und hat der Zuschauer seine eigene Perspektive auf vergleichbare Weise erneuert?

Der Zuschauer/Betrachter muss unablässig sein eigenes Wahrnehmungsraster neu ausloten; nicht durch die Entscheidung, was wahr und was falsch sei, sondern durch Untersuchung der Rahmungs-Strategien und ihrer ästhetischen und moralischen Folgen.
Wesentlich ist dabei ist die Konstruktion von Biografie als Konstruktion des Subjekts. In den Künsten ebenso wie in der Gesellschaft können Biografien als Projekte verstanden werden, als erzählerische Behauptung des Möglichen - oder als Eskapismus, als Lüge, als Betrug.

Wo unterscheiden sich Strategien, Funktionen, Wahrnehmungsweisen und ihre Konsequenzen innerhalb von Kunst und Gesellschaft, wo nicht? Welches sind die politischen, moralischen und ästhetischen Fragen, die durch Künstler aufgeworfen werden?

In acht Formation entwickelten rund 80 Teilnehmer aus ca. 15 Ländern ihre eigenen Landkarten innerhalb eines Rasters von Vorträgen, Arbeitsgruppen, Sitzungen, Performances. Jede dieser Formationen hatte einen Künstler oder Theoretiker zum Gastgeber, der sich wiederum selbst einen gleichberechtigten Partner und Mitgestalter suchte.
Die Formationen wurden betreut von: Meg Stuart, Gerald Siegmund, Andre Lepecki // Hans Thies Lehmann, Gerhard Johann Lischka // Hans Ulrich Obrist, Molly Nebsit // Martha Rosler, Dorothea v. Hantelmann, Stephanie de Moisdon Tremly // Harun Farocki, Diedrich Diederichsen // Xavier Le Roy, Jan Kopp // Nikolaus Hirsch, Markus Weisbeck, William Forsythe // Tim Etchells, Adrian Heathfield. Performances und Lectures von Jan Fabre, Hygiene Heute, Hans Peter Litscher, Walid Raíad, Meg Stuart, Avi Mograbi und Jan Peters u.a. ergänzten das Programm.

URLs:
www.internationale-sommerakademie.de
www.unfriendly-takeover.de

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Florian Malzacher (*1970) gehört zu den Kuratoren der Internationalen Sommerakademie.

Seit seinem Studium der Angewandte Theaterwissenschaft in Giessen lebt/arbeitet er in Ffm als freier Theater- u. Kunstjournalist (Frankfurter Rundschau, taz etc.), Dramaturg (u.a. für Stefan Kaegi) u. Kurator (Internationale Sommerakademie, unfriendly takeover).